Aktuelle Beiträge des Informationsdienst Gentechnik

US-Firma will Hobbygärtner mit lila Gentech-Tomaten locken

Tomaten Lila PressefotoKonventionell gezüchtete lila Tomaten gibt es schon lange. Ihre Früchte enthalten besonders viele Anthocyane, das sind blaue Farbstoffe, die antioxidativ wirken und deshalb als gesund gelten. In den USA können Hobbygärtner nun erstmals die Samen einer gentechnisch veränderten (gv) lila Tomate kaufen. Sie sollen der Gentechnikindustrie als Türöffner dienen.

Auf der Webseite der kalifornischen Firma Norfolk Healthy Produce können Hobbygärtner:innen seit Anfang Februar Saatgut der lila gv-Tomate des Unternehmens kaufen – für zwei US-Dollar je Samen. Die transgene Pflanze wurde von der US-Lebensmittelbehörde FDA im Sommer 2023 für die Vermarktung als Lebensmittel freigegeben. Dabei stützte sich die Behörde nur auf Unterlagen des Herstellers und betonte ausdrücklich, dass dieser für die Sicherheit seines Produktes selbst verantwortlich sei. In das Erbgut seiner gv-Tomate hat er zwei Gene des Löwenmäulchens eingebaut, die die Anthocyan-Herstellung der Tomate quasi anschalten sollen. Zudem enthält sie Resistenzgene gegen die Antibiotika Kanamycin und Neomycin, wie sie in vielen Produkten der klassischen alten Gentechnik vorkommen. Denn die lila Tomate ist keine mit neuen gentechnischen Verfahren hergestellte Pflanze, sondern ein Dinosaurier, der es nach zwanzig Jahren geschafft hat, zumindest in den USA auf den Markt zu kommen.

Entwickelt wurde die Pflanze von Cathie Martin vom britischen Forschungsinstitut John Innes Centre und Jonathan Jones vom Sainsbury Laboratory. Sie gründeten bereits 2007 Norfolk Plant Sciences, um die Tomate weiter zu entwickeln und kommerziell zu vermarkten. Deren US-Tochter Norfolk Healthy Produce soll die lila Tomate in den USA unter die Leute bringen. Die gentechnikkritische Plattform GMWatch wies darauf hin, dass das John Innes Centre die Tomate bereits 2008 als Lebensmittel zur Krebsvorbeugung positionierte. Die darin enthaltenen Anthocyane wirkten antioxidativ und könnten damit Zellschäden verhindern, die zu Krebs führen könnten, lautete die Argumentation des Herstellers. Er verwies auf einen Fütterungsversuch, bei dem krebsempfindliche Mäuse mit lila Tomaten im Futter nach seinen Angaben länger lebten als die Kontrollgruppe. GMWatch berichtete, wie Lebensmittelbehörden und Krebsforscher diese Behauptungen damals zurückwiesen. Allerdings würden „einige Leute in der GVO-Industrielobby das trügerische Narrativ ‚Krebsbekämpfung‘ immer noch aufrechterhalten“, schrieb die Plattform.

Dabei ist, wer sich gesund mit lila Tomaten ernähren will, nicht auf die nun angebotene Gentech-Variante angewiesen. Schon seit Jahren gibt es gentechnikfreie lila Tomatensorten mit einem hohen Gehalt an Anthocyanen nicht nur in der Schale, sondern auch im Fruchtfleisch. Der US-Radiosender NPR berichtete, dass der Pflanzenzucht-Professor Jim Myers an der Oregon State University schon 2011 die Sorte Indigo Rose vorstellte. Gezüchtet hatte er sie ganz traditionell durch das Einkreuzen von lila Wildtomaten. Weitere Indigo-Sorten folgten in den nächsten Jahren. „Myers weist darauf hin, dass er und die Erfinder der lila gv-Tomate etwa zur gleichen Zeit mit der Arbeit an diesen Tomaten begannen und dass es inzwischen mehr als 50 Sorten der Indigos gibt, die weltweit angebaut und gezüchtet werden, sowohl von kleinen Betrieben als auch von großen Unternehmen“, heißt es bei NPR.

Der Sender liefert auch eine Erklärung, warum die gv-Tomate jetzt dennoch mit viel Verspätung und ohne Bedarf auf den Markt gebracht wird: Die Schöpfer der lila Tomate hofften, dass ihre Freigabe für Gärtner die mangelnde Akzeptanz einer vor allem mit Herbizidresistenzen und Konzerngewinnen verbundenen Gentechnik verändern könnte. Gegenüber NPR bezeichnete der Gentechniklobbyist Mark Lynas die Vermarktung von Norfolk Healthy Produce an die Verbraucher als „Geniestreich“, der die Technologie entmystifizieren könnte. Norfolks Geschäftsführer Nathan Pumplin bestätigte gegenüber NPR diesen Ansatz. Würde eine große Zahl von Verbrauchern die Vorteile der neuen Tomate annehmen, werde „die negative Wahrnehmung von GVO abgebaut und es können andere Produkte auf den Markt kommen, die wirklich solide Vorteile bieten“, beschrieb er dem Sender seine strategische Hoffnung. [lf]

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Südafrika: Neue Gentechnik bleibt Gentechnik

Die südafrikanische Agrarministerin Thoko Didiza 2019 bei einer Pressekonferenz. Foto: GCIS https://lmy.de/OcLx, https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/Die südafrikanische Landwirtschaftsministerin Thoko Didiza hat entschieden, dass neue gentechnische Verfahren (NGT) in der heimischen Landwirtschaft weiterhin dem Gentechnikrecht und seinen Zulassungsregeln unterliegen. Wie erst jetzt bekannt wurde, wies sie damit vor sechs Monaten Beschwerden der Agrarindustrielobby gegen eine frühere Entscheidung ihrer Gentechnikbehörde zurück. Für das afrikanische Zentrum für Biodiversität (ACB) ist das ein Wendepunkt für den ganzen Kontinent.

Der Einsatz von NGT bei Nutzpflanzen ist nicht nur in Europa ein Thema. Auch in Afrika drängen die Lobbyisten der Gentechnikkonzerne auf Gesetzesänderungen, damit NGT-Pflanzen ohne Zulassung und Risikoprüfung auf den Markt kommen können. Eine bedeutende Rolle kommt dabei Südafrika zu, weil das Land schon früh den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen zuließ. Deshalb waren die NGT-Lobbyisten enttäuscht, als die südafrikanische Gentechnikbehörde Biosafety South Africa im Oktober 2021 eine Entscheidung verkündete: Der bestehende rechtliche Rahmen für die Risikobewertung von gentechnisch veränderten Organismen gilt auch für NGT. Einen Monat später legte ein Konsortium von Verbänden der Agrarindustrie, angeführt vom Agrardachverband AGBIZ (Agricultural Business Chamber of South Africa), Widerspruch gegen diese Entscheidung ein. Ein Berufungsausschuss gab den Beschwerdeführenden Recht und die Angelegenheit landete auf dem Schreibtisch von Landwirtschaftsministerin Thoko Didiza. Diese wies die Beschwerde abschließend zurück und bestätigte die Entscheidung ihrer Behörde.

Dieses Ergebnis vom August 2023 wurde erst öffentlich bekannt, als das African Centre for Biodiversity (ACB) durch eine Protokollnotiz auf den Vorgang aufmerksam wurde, nachhakte und die Entscheidung schließlich veröffentlichte. ACB-Geschäftsführerin Mariam Mayet lobte das Vorgehen der Ministerin als einen vorsorgeorientierten Ansatz und sah darin einen „Wendepunkt für den Kontinent, der mit einem starken Druck zur Einführung neuartiger Gentechniken konfrontiert ist“. Kenia, Ghana, Malawi und Nigeria hätten bereits Maßnahmen ergriffen, um diese Technologien nicht durch Gesetze zur biologischen Sicherheit zu regulieren. Die südafrikanische Entscheidung werde den Widerstand der dortigen Zivilgesellschaften gegen die Deregulierung stärken, argumentierte Mayet. In ihren Augen dienen NGT-Pflanzen als „koloniale Mechanismen, um Agrar- und Lebensmittelsysteme zu unterwandern und neue Märkte für industriell hergestelltes Saatgut in Konzernbesitz zu sichern und zu erobern“.

Afrika ist für Gentechnikkonzerne ein interessanter Markt. Bisher werden gentechnisch veränderte (gv) Pflanzen dort in elf Ländern angebaut. Nur sieben Staaten haben Gentechnikgesetze erlassen, um Importe und Anbau von gv-Pflanzen zu regulieren. Der gesetzliche Rahmen sei für die weitere Entwicklung der Technologien von entscheidender Bedeutung, hieß es auf einer Tagung, zu der die Gentechnik-Lobbyisten der Alliance for Science im August 2023 nach Kenia eingeladen hatten. Dort wurde die Regelung von Argentinien, das NGT von Gentechnikzulassungen ausgenommen hat, als Blaupause für afrikanische Länder vorgestellt. Die Teilnehmenden beklagten „Fehlinformationen“ der Öffentlichkeit und besprachen, wie ihr Anliegen am besten kommuniziert werden könne. Dazu sollten Informationen über die Vorteile der neuen Technologien immer auch mit passenden Ansätzen für die Regulierung verbunden werden, empfahl etwa Roy Mugiira, Leiter der kenianischen Gentechnikbehörde NBA. [lf]

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