Auf der größten lettischen Verbrauchermesse für Gartenbau, der „Dārzs un Dzīvesstils“ (Garten und Lebensstil) im Mai 2026, fiel Besuchern ein Stand von Tomatenfans auf, der Saatgut einer Tomate verkaufte, bei der nicht nur die Haut, sondern auch das Fruchtfleisch lila war. Für Insider ein starker Hinweis auf eine gentechnische Veränderung. Sie informierten die Behörden, die daraufhin den Händler zur Rede stellten. Wie das lettische Medienportal LSM berichtete, gab dieser an, das Saatgut aus den USA bezogen zu haben. Die verbliebenen Samen seien vernichtet worden und die Behörden hätten die Menschen, die das Saatgut bereits gekauft hatten, aufgefordert, es nicht weiterzugeben oder anzubauen, sondern es zu entsorgen, schrieb LSM. Ob dies befolgt wird, können die Behörden allerdings nicht kontrollieren. Das Magazin Baltic Focus berichtete, dass schon 2025 in Lettland und Litauen Samen der Purple Tomato von Norfolk Health Produce aufgetaucht seien.

Bereits im September 2024 hatten finnische Behörden gewarnt, dass über einen Online-Shop für Hobbygärtner auf Facebook Samen der lila Norfolk-Tomate an Hobbygärtner auch in der Europäischen Union (EU) verkauft würden. Sie baten die Käufer:innen, die Samen zurückzugeben oder zu verbrennen, ebenso bereits gewachsene Pflanzen. „Früchte sollten keinesfalls kompostiert oder im Boden gelassen werden, da die Samen im folgenden Jahr keimen können“, hieß es in der Mitteilung. Der deutsche Tomaten züchtende Demeterbetrieb Kleverhof wies im Dezember 2024 in einem Youtubevideo auf eine geschlossene Facebook-Gruppe von Tomatenfans mit 38.000 Mitgliedern hin, in der ebenfalls Samen der Norfolk-Tomate angeboten worden seien.

Diese lila Tomate war ursprünglich von Cathie Martin im britischen John Innes Centre entwickelt und 2014 in Gewächshausversuchen in Kanada angebaut worden. Das Erbgut der Tomate enthält zwei Gene des Löwenmäulchens, die dazu führen, dass die Tomate lila Farbstoffe in der ganzen Frucht anreichert. 2022 erlaubte das US-Landwirtschaftsministerium der von Martin mitgegründeten Firma Norfolk Plant Sciences (NPS), die gentechnisch veränderte (gv) Tomate zu vermarkten. Dazu gründete NPS das Unternehmen Norfolk Healthy Produce, das die Samen an Hobbygärtner verkauft. Außerdem bietet es kleinen Berufsgärtnern Lizenzen an, wenn sie die Tomaten anbauen und Samen oder Früchte selbst vermarkten wollen. Außer in den USA darf die als Purple Tomato marken- und patentrechtlich geschützte Tomate seit August 2025 in Kanada und seit Anfang 2026 in Australien angebaut werden. Neuseeland erlaubt den Verzehr. Nach Angaben des kanadischen Biotechnology Action Network werden dort seit Anfang 2026 kleine Samenpäckchen an Hobbygärtner verkauft. Ab April seien erste Tomaten - produziert von Red Sun Farms - unter dem Markennamen Empress in einigen Lebensmittelläden angeboten worden.

Nun gibt es zahlreiche gentechnikfreie Tomatensorten mit lila Schale, die sich bei Hobbygärtner großer Beliebtheit erfreuen, etwa die Sorten Indigo Rose oder Black Eagle. Doch bei allen ist nur die Schale violett, das Fruchtfleisch aber dunkelrot. Die wachsende Beliebtheit solcher Sorten nutzt Norfolk Healthy Produce gezielt aus, in dem es sein Saatgut an Hobby- und Kleingärtner vermarktet. Offiziell nur in den USA und Kanada, aber von dort finden sie offenbar immer wieder den Weg in die EU, wie der Fall in Lettland zeigt.

Das Magazin Baltic Focus weist darauf hin, dass in solchen Fällen ein hohes Risiko steckt. Die Samen und damit das geänderte Erbgut könnten ihren Weg über private Gärten, Hobbygruppen, Tauschbörsen oder Online-Händler nehmen, auch ohne dass die gv-Tomaten in den Ladenregalen landen. Die öffentlich bekannt gewordenen Fälle wären dann nur die Spitze eines Eisbergs, die auf eine weit verbreitete gv-Verunreinigung in privaten Gewächshäusern hinweisen würde. [lf]