Im Europäischen „Schnellwarnsystem“ für Lebens- und Futtermittel (RASFF) meldeten die Niederlande vier Lieferungen von Sojamehl aus Argentinien und drei aus Brasilien – zuletzt am 27. April. In Stichproben hatten holländische Kontrolleure nicht zugelassene gentechnisch veränderte Sojabestandteile gefunden. Nach Angaben südamerikanischer Medien handelte es sich dabei um die Saatguteigenschaft HB4. Diese wurde von dem argentinischen Unternehmen Bioceres Crop Solutions, dessen Mutterkonzern Bioceres SA Anfang März in Konkurs ging, mit klassischer Gentechnik in Weizen und Sojabohnen eingebaut. Die Pflanzen enthalten im Erbgut ein Gen der Sonnenblume, das sie toleranter gegenüber Trockenheit machen soll. Weil er nicht zugelassen ist, gilt für HB4 in der EU die Nulltoleranz: Sobald Spuren davon nachgewiesen werden, ist eine Lieferung zurückzuweisen oder zu vernichten.

Tatsächlich kann von schneller Warnung aber kaum die Rede sein: Zwischen dem Tag, an dem Kontrolleure in der EU Proben von Importware nehmen und dem Tag der Warnung im RASFF liegen meist Monate. Im Fall des Sojamehls aus Argentinien, das unter anderem nach Deutschland geliefert wurde, war es sogar ein halbes Jahr: Probenahme in Holland 7.10.2025, Warnung im RASFF vor unzulässiger Gentechnik 17.4.2026. Kein Wunder, dass die Behörden in Bayern, die den Empfänger der Lieferung aufspürten, feststellen mussten, dass das Sojamehl längst verfüttert war. Ein Sprecher der für die Futtermittelkontrolle zuständigen Regierung von Oberbayern teilte mit: „Die letzten Teilmengen des betreffenden Sojaextraktionsschrots wurden bereits im November 2025 an den bayerischen Betrieb ausgeliefert.“ Bei der Überprüfung im April 2026 sei das Futtermittel bereits vollständig verbraucht gewesen. Die Behörde habe also nicht mehr anordnen können, es zu vernichten. Bei den vom bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in den vergangenen Monaten routinemäßig untersuchten Futtermitteln hätten sich keine Auffälligkeiten ergeben, schrieb die Behörde dem Infodienst. Und das, obwohl HB4-Soja mit ihrem Standardscreening auf genetische Elemente erfasst werde.

Drei weitere Lieferungen von argentinischem Sojaschrot mit illegaler Gentechnik, vor denen die Niederlande im März und April 2026 warnten, gingen nach Belgien, Tschechien, Österreich und Frankreich. Im RASFF finden sich aktuell keine Hinweise, dass die dortigen Behörden etwas dagegen unternommen hätten. Dabei wurden die Kontrolleure der niederländischen Behörde für Lebensmittel- und Produktsicherheit (NVWA) schneller: Bei der jüngsten RASFF Meldung am 27. April war die beanstandete Probe erst knapp drei Monate alt. Die Niederlande stellten parallel die im eigenen Land noch vorhandenen Mengen an verunreinigtem Sojaschrot sicher.

Die zweite beanstandete Soja-Lieferung nach Deutschland kam aus Brasilien und ging an Landwirte in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz, teilte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit auf Anfrage mit. Am 11.02.2026 meldeten die Niederländer im RASFF eine beanstandete Probe vom Oktober 2025. Das Landesamt für Verbraucherschutz und Ernährung NRW (LAVE) schrieb dem Infodienst: „Die Recherche des LAVE zum angesprochenen HB4-Fund zeigte, dass die Ware nicht mehr auf dem Markt vorhanden war. Daher waren unsererseits keine Maßnahmen mehr erforderlich.“ Insgesamt habe man seit 2024 acht Futtermittelproben auf gentechnisch veränderte Soja untersucht. Eine Anfrage des Infodiensts an die niedersächsischen Behörden blieb bisher unbeantwortet.

Unterdessen sind Behörden und Sojawirtschaft in Argentinien und Brasilien alarmiert. Es bestehe die Gefahr, dass die EU und andere Abnehmer die Lieferungen von argentinischem Sojamehl vorsorglich stoppen werden, schrieb die argentinische Agrarplattform Suena a Campo. Betroffene bezweifeln die von den Niederlanden angewandte Bestimmungsmethode für HB4-Soja. Sie würde zu falsch positiven Resultaten führen, also eine Verunreinigung anzeigen, die gar nicht vorhanden sei, so die Vermutung. Denn in Argentinien wird kaum HB4-Soja angebaut. Nach Angaben des Journals Bichos de Campo schwankte die Anbaufläche seit 2020 um die 20.000 Hektar, ging in der Saison 2024/25 auf 10.000 Hektar zurück und liegt aktuell für 2025/26 noch bei 2.500 Hektar. In Brasilien wuchs laut Bichos de Campo zuletzt auf 5.000 Hektar HB4-Soja. Angesichts dieser vergleichsweise geringen Menge an HB4-Soja herrscht offenbar Erstaunen darüber, dass innerhalb von drei Monaten gleich sieben Schiffsladungen Sojaschrot nach Europa unzulässige HB4-Elemente enthielten.

Dabei hatte der Hersteller selbst den Europäern ein Nachweisverfahren für das HB4-Event geliefert, bevor sein Joint Venture Verdeca LLC im Jahr 2020 einen Zulassungsantrag für seine HB4-Soja als Lebens- und Futtermittel in der EU stellte. In den Antragsunterlagen heißt es, Verdeca habe gemäß den Anforderungen ein Nachweisverfahren für Sojabohnen der Linie IND-ØØ41Ø-5 entwickelt und das Verfahren, Referenzproben, Reagenzien und Rohdaten im Jahr 2019 an das Europäische Referenzlabor weitergeleitet. Da Verdeca den Zulassungsantrag 2024 wieder zurückzog, hat das Referenzlabor das Verfahren allerdings nie validiert – obwohl das Risiko auf der Hand lag, dass HB4-Soja mit Importen aus Südamerika nach Europa gelangt. IND-ØØ41Ø-5 ist eine trockenheitstolerante HB4-Sojabohne, die zudem noch eine Resistenz gegen das Herbizid Glufosinat enthält.

Nach Angaben von Laborexperten lassen sich Verunreinigungen mit IND-ØØ41Ø-5 ferner mit den üblichen erweiterten Screeningtests gut nachweisen. Und zwar unabhängig davon, ob es sich um gentechnikfreie Soja handelt oder – wie vermutlich bei diesen Schiffsladungen – um Soja mit weiteren gentechnischen Veränderungen, die in der EU zugelassen sind. Denn bei IND-ØØ41Ø-5 wird die Glufosinatresistenz – anders als bei den meisten in der EU zugelassenen gv-Sojalinien - mithilfe des sogenannten bar-Gens erzeugt. Weist ein Test dieses Gen nach, ist dies ein starkes Indiz, dass nicht zugelassene HB4-Soja vorliegen könnte. Dem Vernehmen nach hat die für die Futtermittelüberwachung zuständige niederländische Behörde das Erbgut ihrer Proben außerdem sequenziert, um ihr Ergebnis abzusichern. Der Infodienst hat die Behörde dazu angefragt; eine Antwort steht noch aus.

Dass auch die Südamerikaner die europäischen Befunde sehr ernst nehmen, zeigt ein anonymes Schreiben aus der argentinischen Sojawirtschaft, das die argentinische Agrarplattform Suena a Campo veröffentlicht hat. Darin heißt es, man habe die Lage in mehreren Gesprächen mit dem argentinischen Landwirtschaftsministerium analysiert. Es sei „von entscheidender Bedeutung“, dass alle Akteure in der Kette Proben nähmen, um zu verhindern, dass HB4-Sojabohnen in Lieferungen landen, die für die EU bestimmt sind. Und die Agentur Reuters zitierte den Präsidenten des Verbandes der argentinischen Getreideexporteure, Gustavo Idígoras: „Wir haben vorbeugende Maßnahmen für die neue Soja-Ernte von HB4 ergriffen, damit sie nicht in die Kanäle gelangt, die in die EU liefern.“ Nach einem Bericht der Buenos Aires Times wird erwogen, die komplette Ernte von HB4-Soja unverarbeitet direkt nach China zu exportieren, wo sie zugelassen ist. [lf/vef]