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Hans Rudolf Herren

Hans Rudolf Herren
Entymologe, Direktor Milleniumsinstitut Washington DC, Welternährungspreisträger 1995, Gründer und Präsident von Biovision - Stiftung für ökologische Entwicklung, Co-Direktor des Weltagrarberichtes, One World Award 2010

Gentechnologie verewigt die konventionelle Landwirtschaft und deren negativen Folgen auf Umwelt, Mensch und Wirtschaft. Weiter bringt die Gentechnologie keine nachhaltige Lösungen zu den Hauptproblemen in der Landwirtschaft, da sie ja nur die Symptome dieser Probleme behandelt. Wir brauchen Lösungen die die Probleme an den Wurzeln packen!

November 2010

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Donnerstag, den 31. Juli 2008 um 19:53 Uhr
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SAATGUT

 

GVO-Beimischungen im Saatgut – Das Schwellenwert-Dilemma

Darf konventionelles Saatgut Spuren gentechnisch veränderter Organismen enthalten? Seit Jahren wird darüber ein erbitterter Streit geführt. Für die einen es absolut reines Saatgut die Grundvoraussetzung, um auch in Zukunft konsequent „gentechnik-frei“ produzieren und konsumieren zu können. Andere verweisen auf die Natur als offenes System, in dem es keine 100%-Reinheit geben könne. Erneut konnte die EU-Kommission sich nicht auf eine Entscheidung über GVO-Schwellenwerte für Saatgut festlegen.

Auf Dauer sollen landwirtschaftliche Anbausysteme mit und ohne Gentechnik nebeneinander bestehen. Die Sicherung dieser Koexistenz ist Voraussetzung dafür, dass Verbraucher Produkte wählen können, die ohne bewusste Anwendung der Gentechnik erzeugt wurden. Das Problem: Wenn die Gentechnik in der Landwirtschaft genutzt wird, kann es unter natürlichen Bedingungen keine absolut „gentechnik-freie Welt“ geben. Zwar ist es möglich, durch geeignete Maßnahmen unkontrollierte Vermischungen zu vermeiden – minimale GVO-Spuren in konventionellen Produkten sind jedoch nicht vollständig auszuschließen.

Für Saatgut sind bisher keine GVO-Schwellenwerte festgelegt. Ökologische Saatgutzüchter beklagen mangelnde Rechtssicherheit; Behörden reagierten bisher widersprüchlich, wenn in Saatgut GVO-Spuren gemessen wurden. Es ist daher längst überfällig, verbindliche EU-weite Schwellenwerte für Saatgut einzuführen.

Es prallen zwei grundsätzlich verschiedene Sichtweisen aufeinander: Vor allem die EU-Kommission und ihre wissenschaftlichen Berater wollen Saatgut-Schwellenwerte so festlegen, dass die damit erzeugten Ernteprodukte im Regelfall die bestehende 0,9%-Schwelle nicht überschreiten.

Für Gentechnik-Kritiker sind zulässige GVO-Beimischungen im Saatgut ein Freibrief, gentechnisch veränderte Pflanzen in die Umwelt freizusetzen. Jeder Schwellenwert bedeutet, dass einzelne gv-Samen im Saatgut vorhanden sein können. Da es dafür keine Deklaration gibt, erfährt der betreffende Landwirt davon nichts. Saatgut steht am Anfang der Kette, daher sollte „gentechnik-freies“ Saatgut tatsächlich frei von GVO-Substanzen sein.

Die neue Kommission unter Präsident Barroso wird das Schwellenwert-Dilemma lösen müssen.

Getreide für unser Brot von morgen

Seit 10.000 Jahren ernährt und trägt das Getreide die Menschheit, die Pflanzenzüchtung wird vom Menschen gemacht, aus Wildpflanzen werden in einem langwierigen Prozess Kulturpflanzen domestiziert. Erst seit 100 Jahren sind die Sorten, die heute – auch bei Biobauern – auf den Feldern stehen, züchterisch stark verändert worden. Die professionelle Züchtung führ zu einer immensen Ertragssteigerung, Landsorten wurden verdrängt, und über 75% der Sortenvielfalt ist verloren gegangen! Dass sie in qualitativer Hinsicht oft nicht genügen, merken Landwirte und Konsumenten kaum: Man kennt nichts anderes. Es gibt aber (wieder) anderes! Im ökologischen Landbau wird mit geringen finanziellen Mitteln effektive Züchtung betrieben. Vorreiter sind biologisch dynamisch wirtschaftende Betriebe wie z.B. die Getreidezüchtung Peter Kunz (GZPK) als Partnerin der Sativa AG, hat bereits für fünf Weizen- und drei Dinkelsorten die offiziellen Zulassungen in Deutschland bzw. in der Schweiz erhalten. Diese Sorten bringen (in den verschiedensten Ländern Europas) hervorragende Brotgetreidequalität! (nähere Informationen: www.peter-kunz.ch).

Stinkbrand – zum Beispiel

Eine Frage stellt sich ganz klar: Wie viel Geld wird in die Gentechnik investiert und was schaut dabei raus, bzw. wie wenig Geld in den Ökolandbau und wie viel schaut dabei raus?! Ein Beispiel hierzu ist der mit dem Saatgut übertragbare Stinkbrand als wichtigste Getreidekrankheit. Es wurde die chemische Beizung des Saatguts eingeführt. Diese war so einfach und wirksam, dass man die Brandforschung in den letzten 50 Jahren fast eingestellt hat. Aber: Alle Krankheiten und Schädlinge stehen in biologischen Zusammenhängen. Es gibt daher stets auch eine biologische Lösung, man muss sie nur suchen, und das braucht Zeit. Technische Lösungen sind oft schneller, beseitigen aber nur die Symptome und gehen nicht auf die Ursache! (mehr Details in FINTAN-Zeitung – das Rheinauer Weltblatt, Nr. 4, Frühjahr 2005)

Neuzulassungen von GV-Sorten (EU) vs. Ökosorten (D und CH)

Weltweit gibt es 5 bis 10 Neuanmeldungen von GV-Sorten pro Jahr, in Europa waren es zwischen 1997 und 2004 sechs zugelassene GV-Sorten. Jene 14, die noch im Antragsverfahren sind, da das Moratorium besteht, werden dazu genommen – in sieben Jahren also 20 GV-Sorten, die in Europa entweder auf dem Markt sind oder auf ihn wollen. Dem gegenüber stehen 52 Anmeldungen aus der Öko-Züchtung (nur D und CH). Wenn wir die Neuanmeldungen als Maßstab für die Innovation nehmen, liegt der Vorteil eindeutig bei der Öko-Züchtung. In Deutschland hat Bundes-Verbraucherschutz-Ministerin Renate Künast das Bundesprogramm ökologischer Landbau eingeführt. Seit dem gibt es zum ersten Mal eine staatliche Forschungsförderung, bei der Öko-Züchtung auftaucht. Aber Lizenzen bringen wenig, aus ihnen lässt sich die Öko-Züchtung nicht bezahlen. Züchtung kostet beim Weizen zwischen 50.000 und 150.000 Euro im Jahr. Insgesamt beläuft es sich auf 2,3 Mio. Euro Investitionen im Jahr 2004. Wenn man das mit dem vergleicht, was vom Bundesforschungsministeriums in Deutschland für das Pflanzengenomforschungsprogramm Gaby bezahlt wurde, sind das allein 100 Mio. Euro! Und das nur in der Grundlagenforschung für die gentechnische Pflanzenzüchtung! Wenn man die Geldflüsse vergleicht, dann ist verständlich, warum bei den Risiken der Gentechnologie in der Landwirtschaft an erster Stelle der volkswirtschaftliche Schaden zu erwähnen ist!

(Quelle: Impulstagung Gentechnik-freie Bodenseeregion am 19.3.2005;
Cornelia Wiethaler von Agravivendi Projektbüro für internationale Agrarkultur)